Steiler Gletscher | © Paul Hoffmann 2026

Schneeschuhtour im Stubai

27.04.2026

Im "hohen" Schnee mit Sektionsfreunden

Eigentlich wollten wir mit Schneeschuhen aufs Bishorn steigen. Hütte & Co. waren gebucht, aber die Lawinengefahr in den Westalpen einfach zu hoch. Zudem war dort ein halber Meter Neuschnee angesagt, und so schwenkten wir 2 Tage vor der Anreise ins Stubai um. Jan musste die Tour absagen, lieh uns aber sein superleichtes Halbseil. 2 Videokonferenzen zu viert später stand zumindest ein grober Plan und (fast nur!) die Franz-Senn-Hütte hatte noch wenige Plätze frei. Wie geplant ging es eine Woche nach Ostern los, aber mit kürzerer Fahrt. In der komfortablen Ferienwohnung in Neustift fabrizierten Susanne, Constanze und Anett mit mir abends eine Pizza aus Mitgebrachtem und morgens hing eine Bäckertüte an der Tür. Nur die Wolken hingen auch und ergossen sich – allerdings wirklich nur an diesem Tag! Die Straße im Oberbergtal war schneefrei und ein Parkplatz in Seduck auch. Susanne traf noch einen bekannten Bergführer, ansonsten trafen wir nur wenige Skitourengeher, obwohl die 140 Hüttenplätze fast alle vergeben waren. Wie sich später herausstellte, waren viele davon aber Alpinärzte, die sich hier zu einer Seminarwoche trafen. Für die 700 Höhenmeter hatten wir den ganzen Tag Zeit und konnten es gemütlich angehen. Nur streckenweise reichte der wenige Schnee dieses Jahres für unsere Schneeschuhe. Nachmittags wollten wir eigentlich nochmal Spalten- und Lawinenbergung üben, zogen aber nach der kostenlosen (!) Dusche Faulenzen im geräumigen Lager vor.

Für Mittwoch hatte uns der sehr kompetente Hüttenwirt Thomas die Innere Sommerwand (3122m) empfohlen. Das reichhaltige Hüttenfrühstück wurde wegen der Lawinenlage für alle auf 6:00 Uhr vorverlegt. Wir konnten bei Sonnenschein klug angelegten Spuren folgen, allzu steil waren die verschneiten Hänge nicht. Der Gletscher hat sich schon sehr weit zurückgezogen, so mussten wir nur kurz angeseilt gehen. Unterhalb der Kräulscharte dann Ski- bzw. für uns Schneeschuhdepot im steilen Schnee. Dank Lawinenschaufel fanden auch 3 unserer Rucksäcke einen sicheren Platz, sodass wir gefühlt federleicht an Fix- und Bergführerseilen zuerst durch Schnee, dann über Felsen zum Gipfelkreuz ziemlich „luftig“ klettern konnten. Wir waren die letzte Gruppe und wussten, dass wir gegenüber den Skifahrern wesentlich länger für den Rückweg brauchen würden. Also gab es nur ein paar Gipfelfotos. Ich hätte gern mehr Ruhe und Zeit zum Genießen der guten Sicht gehabt. Mit den Bergführern waren auch deren Seile weg. Also mussten wir uns selbst Sicherungen legen, was Zeit kostete. Außerdem blieb das Seil einmal beim Abziehen hängen und ich musste eine etwas knifflige Kletterstelle nochmal hoch. Bald waren wir jedoch an der Scharte angekommen und konnten das dortige Fixseil benutzen. Erst jetzt sah ich, dass es oben doch arg zerschlissen war: Seine sog. Seele hing über einen Meter in Einzelfasern frei. Auf dem Rückweg wurde der Schnee durch die Sonneneinstrahlung ziemlich weich, es wurde immer mühsamer. Über den Aufstiegsweg kamen wir rechtzeitig zum Abendessen zurück zur Hütte, waren aber mit vielen Pausen fast 10 Stunden unterwegs gewesen!

Am Donnerstag sollte es etwas Kleineres werden. Nach nochmals auf 5:30 Uhr vorverlegtem Frühstück starteten wir heute mal auf dem Stubaier Höhenweg nach Nordosten Richtung Schafgrübler. Sobald die Steilwand nördlich der Hütte erreicht war, gab es nur noch Schneereste in den Serpentinen und wir mussten die Schneeschuhe tragen. An einer drahtseilversicherten ausgesetzten Stelle allerdings lag so viel der weißen Pracht, dass trotz eifrigen Grabungen meinerseits kein Durchkommen war. Auch zwei Versuche, die Stelle zu umklettern, musste ich kleinlaut abbrechen. Also kehrten wir zur nahen Hütte zurück und chillten etwas, bevor wir mittags einfach durch den breiten flachen (und lawinensicheren) Talboden wanderten. Auf einem schneefreien Wiesenstück am Talschluss hockten wir lange in der Sonne und schmiedeten Pläne für den nächsten Tag, denn von hier konnten wir zahlreiche Spuren in mehrere Richtungen sehen. Den entscheidenden Tipp gab uns aber wieder Hüttenwirt Thomas, der die Berge hier genau kennt und die Lawinenlage sowie unsere Kondition treffsicher einschätzte.

So starteten wir am Freitag abermals früh nach Südwesten. In der sternenklaren Nacht hatte die Schneedecke gut abgestrahlt und der Schnee knirschte unter unseren Schneeschuhen. Sorgen, die Skispur zu zertreten, brauchten wir uns nicht zu machen, so hartgefroren war der Weg. Leider war das zwei Kröten zum Verhängnis geworden, die wohl zum Laichen den plätschernden Bach verlassen hatten und mit dem Bauch am Boden festgefroren waren. Sie haben hoffentlich ein schönes Froschgrab bekommen. Schnell waren wir am Pausenplatz von gestern und stiegen zwei Skitourengehern nach, die im mäßig steilen Gelände mit vorbildlichem Abstand unterwegs waren. Vorsichtshalber zogen wir unsere Helme an und ich stellte meinen Airbag-Rucksack scharf, aber der Firn war überall schön fest und blieb, wo er war. Im Gegensatz zu einem seitlichen Hang, wo offenbar gestern ein leichtsinniger Skifahrer eine kleine Lawine ausgelöst hatte: Seine Spur war auf 20 Metern unterbrochen, offensichtlich hatte er es also noch geschafft. Erst gegen 8:30 Uhr traten wir aus dem Schatten der umliegenden Berge und fingen im Aufstieg an zu schwitzen. Immer wieder berieten wir uns über die ideale Wegführung. Dank GPS, verschiedener Offline-Karten und der gedruckten Karte war das eine prima Teamarbeit! Über einen breiten Moränenrücken sparten wir uns viele Gletschermeter und mussten erst später anseilen. Ich legte steile Serpentinen in den Schnee und freute mich über meine Gruppe, die das Seil auch in den Kurven immer schön straff hielt. Offene Spalten waren nicht zu sehen, und zugeschneite haben wir nicht getroffen 😉. Wieder wechselten wir auf Steigeisen. Hoch zur Turmscharte gab es einen Mix aus tiefen Fußstapfen im steilen Schnee und steilen Felsen mit vertrauenerweckender Drahtseilversicherung. Oben an der Geländekante wurde es flach und der nächste Gletscher begann. Also wieder anseilen, auch wenn wir nur am Gletscherrand unterhalb einer Felswand gingen. Hier gab es keine frischen Spuren mehr. Zum Glück waren uns die Worte des Hüttenwirts noch im Ohr, dass wir den Gipfel von Osten angehen sollten, sonst hätten wir fast den alten Klettersteig genommen, dessen Krampen fast einen Meter übereinanderlagen. Am Ende der Felswand sah das Drahtseil nagelneu aus, ließ sich leicht aus dem Schnee heben und wir kamen gut durch abwechslungsreiche Kletterstellen. Auf dem Vorderen Wilden Turm (3177m) konnten wir uns Zeit nehmen (wir lagen locker in meinem Zeitplan) und die phänomenale Rundumsicht genießen. Was für ein fulminanter Abschluss unserer Tourenwoche! Auch der Rückweg gelang in guter Teamarbeit, von der Scharte seilten wir ab. Im Abstieg führten Susanne und später Anett die Seilschaft gut über die beiden Gletscherstrecken. Wieder waren wir die letzten im Hochtal und die aufgeweichte Schneedecke ließ uns oftmals ganz schön „in die Tiefe gehen“ – manchmal bis zum Oberschenkel, sodass die Schneeschaufel mehrmals zum Einsatz kam. Das unerwartete Einbrechen war immer amüsant – jeweils für drei von uns… Pünktlich zum Abendessen waren wir zurück auf der Hütte, nach 11 Stunden Tour aber auch alle ganz schön fertig.

Der Samstag begann mit einem kleinen Geburtstagskuchen für unsere Jubilarin und wir durften den Luxus genießen, drei Rucksäcke gratis (!) per Materialseilbahn zu Tal gondeln zu lassen. Die Schneeschuhe brauchten wir nur kurz, bald sah es immer mehr nach Frühling aus. Das sahen die Unmengen an Krokussen so, aber auch ein ziemlich aufgewecktes Murmeltier. Fast staufrei kamen wir am frühen Abend nach Hause. Wie sagt man bei eBay? „Jederzeit gerne wieder!“

Paul Hoffmann

Die Franz-Senn-Hütte taucht erst sehr spät aus dem Nebel auf

Am nächsten Tag Kaiserwetter über den Wolken!

Erstes Gipfelglück auf der Inneren Sommerwand (3122m)

Abstiegsklettern mit eigenem Seil

Hier wird der Sommerwandferner steiler

Kletterei zum Turmjoch

Gipfelgrat zum Vorderen Wilden Turm (3177m)

Abstieg über den Berglasferner

Schön war's!