In der Zeit vom 16. bis 21. August hieß es für 5 Mitglieder unserer Sektion: Klettercamp Ehrwald / Coburger Hütte. Für vier der Teilnehmenden startete die Reise jedoch schon einen Tag zuvor. Anja, Lenka, Tom und Kay fuhren bereits am Samstagabend mit dem Bulli in Richtung Alpen. Kurz hinter München legten die vier eine Zwischenübernachtung auf einem kleinen Campingplatz ein. Ich musste am Samstag leider noch arbeiten, weshalb ich erst am Sonntagmorgen aufbrechen konnte.
Gegen 10 Uhr erreichte ich den Parkplatz der Ehrwalder Almbahn. Tom & Co. überlegten noch einen Abstecher zum Frauenwasserl zu machen, um sich mit dem Kalkstein - unserem künftigen Untergrund - vertraut zu machen. Als sie merkten, dass ich schneller am Ziel war, als geplant, verwarfen sie den Plan allerdings und kamen direkt zu mir auf den Parkplatz. Die Zeit bis zur Ankunft vertrieb ich mir mit einem kleinen Spaziergang zum Einstieg des Seebenklettersteigs (D/E) und ich kundschaftete unsere gemeinsame Aufstiegsroute aus. Gegen 12:30 Uhr starteten wir dann nach einem kurzen Ausrüstungscheck gemeinsam in Richtung Coburger Hütte bei strahlendem Sonnenschein. Wir entschieden uns für den "Hohen Gang". Das Schild in der Nähe der Talstation kündigte gleich an, was uns diese Woche erwartet. Zustieg 2 1/2 Stunden - soweit so gut - "Alpiner Steig, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit vorausgesetzt". Also nichts wie los. Der Weg führte erst durch einen Wald, wurde dann immer steiler und nach einer kurzen Schuttrinne begannen erste seilversicherte stellen. Nach ca. 1,5 Stunden erreichten wir dann den Seebensee. Hier waren wir nicht die einzigen. Neben Enten, Kühen und Schafen tummelten sich andere Kletterer, Wanderer und solche, die sich in bergtypischen Outfits (Bikini) für Social Media ablichten ließen. Vom Aufstieg und der Sonne gut erhitzt, nutzte Kay eine kurze Rast für ein schnelles Bad im See. Kurz darauf machten wir uns auf die letzten Meter in Richtung Hütte, die wir, wie vom Schild prophezeit, nach zweieinhalb Stunden erreichten.
Angekommen - und nun? Bei einer kurzen, flüssigen Stärkung und dem Bezug unseres Lagers, entschieden wir uns noch den hütteneigenen Klettergarten zu besuchen. In einer 2er und einer 3er Seilschaft suchten wir uns passende Routen in recht entspannten Schwierigkeiten aus um uns mit dem Fels bekannt zu machen. Während des Kletterns zog sich der Himmel rasch zu, der Wind frischte auf und die ersten Tropfen fielen. Als es dann auch noch donnerte, mussten wir den Besuch im Klettergarten nach der ersten Seillänge abbrechen. Zu dem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, dass es nicht das einzige Mal bleiben sollte, das wir hier nass werden. Im Gegenteil, der Klettergarten entwicklete sich als Botschafter für Regen und wurde mit der Zeit zum Running Gag. Den Rest des Nachmittags verbrachten wir dann auf der Hütte. Wir besprachen gemeinsam unsere möglichen Touren, werteten Wettervorhersagen aus, planten den nächsten Tag und freuten uns auf das Abendessen. Frisch gestärkt und bei trockenem Himmel gingen einige von uns noch spazieren, andere entspannten auf der Hütte. Der erste Tag war geschafft.
Für Tag zwei war die Wetterprognose nicht sonderlich gut. Null Stunden Sonne und Niederschlagsmengen >20mm machten uns nicht viel Hoffnung über einen Hüttentag hinaus zu kommen. Umso erstaunter waren wir, als es beim Frühstück noch trocken war. Die Sonne sich sogar ein wenig durch die Wolken zu kämpfen versuchte. Also beschlossen wir in Richtung Hinteren Tajakopf aufzubrechen um dort die kurzen Routen "Love Story" und "Take it Easy" zu klettern. Einfach um zu testen, wie schnell wir als Seilschaften unterwegs sind. Wir packten unsere Rucksäcke, stiegen Richtung Drachensee ab und mussten wieder feststellen, wie schnell sich das Wetter in den Bergen ändert. Innerhalb kürzester Zeit begann es zu regnen - also Regenjacken an und abwarten. Nach ca. 30 Minuten im Regen unter Latschen entschieden wir dann den Versuch abzubrechen und kehrten zurück zur Hütte. Dort angekommen ließ der Regen nach, der Fels war jedoch zu nass zum Klettern. Um die Zeit aber sinnvoll zu nutzen gingen wir ohne Ausrüstung Richtung Tajakopf um die Einstiege für die nächsten Tage auszukundschaften. Da wir trocken geblieben sind und der Wind den Fels recht schnell abtrocknete, entschieden wir uns am frühen Nachmittag für einen weiteren Besuch im Klettergarten - blöde Idee. Wie schon beschrieben, sollte dieser kein gutes Ohmen für uns sein. Gleiches Spiel wie am Vortag. Wir kletterten eine Seillänge und mussten dann, wieder einmal nass, abseilen und zur Hütte zurückkehren. Am Nachmittag öffnete sich allerdings ein weiteres Wetterfenster, welches wir individuell für Ausflüge um die Hütte nutzten. Für mich ging es zum Vorderen Drachenkopf, Lenka und Tom führte es hinaus zum Tajatörl und Anja und Kay gingen um den Drachensee. Zum Abendessen trafen wir uns alle wieder und verbrachten einen gemütlichen Abend in der Gaststube.
Die Wetterprognose für Dienstag war deutlich besser. "Heute Können wir klettern gehen, ganz bestimmt". So motiviert saßen wir beim Frühstück. Gesagt, getan! Nach dem Essen schnappten wir uns die Ausrüstung und machten uns auf zum Hinteren Tajakopf. Für Lenka, Tom und mich stand die "Lovestory" (UIAA 4+) auf dem Plan, Anja und Kay gönnten sich "Take it Easy" (UIAA 4). Jeweils 6 Seillängen mit angegebener Kletterzeit von 2-3 Stunden. Das schien uns auch bei noch leicht unbeständigem Wetter gut machbar. Nach zwei Stunden erreichten wir den Ausstieg, 10 Minuten später folgten die anderen Beiden. Jetzt hatten wir einen guten Eindruck wie schnell wir unterwegs sind - für die nächsten Tage sehr wertvoll. Da es nun gerade Mittag war, entschieden wir uns nach der Kletterei noch zum Hinteren Tajakopf aufzusteigen und diesen via Coburger Klettersteig (D/E) zu erklimmen. Die Abstiegsroute führte uns über den Normalweg des Tajakopfes zurück zur Hütte, die wir gegen 14 Uhr erreichten. Nach einem Belohnungskaiserschnarrn entschieden wir uns den Nachmittag noch zu nutzen um die im Klettergarten begonnenen Wege zu beenden. Der aufmerksame Leser kann sich nun sicherlich denken wie dies endete. Genau - nass! Also Abseilen nach der ersten Seillänge und zurück in den Trockenraum. Spätestens jetzt war der Klettergarten für uns der Running Gag. Der zweite kristallisierte sich beim Abendessen heraus. Nach so einem langen Klettertag hat man halt hunger. Und wenn die Portion nicht reicht - gibt´s halt einen Nachschlag. Liebevoll nannten wir unseren Genießer der Gruppe nun "Das gefräßige Murmeltier". Eine Hommage der gleichnamigen Kletterroute am vorderen Tajakopf.
Mittwoch sollte unser Tag werden. Laut Prognose 10 Stunden Sonne, keine Gewitterneigung zum Nachmittag und angenehm warm. Also machten wir uns nach dem Frühstück auf den Weg in Paradies. "The Walk to Paradise" (UIAA 6 / 5+) stand auf dem Programm. In zwölf Seillängen führte uns dieser Weg hinauf auf den Vorderen Drachenkopf. Angegeben ist dieser Weg mit 5-6 Stunden, die wir uns auch genommen haben. Gleich am Einstieg ließen wir einer weiteren Seilschaft den Vortritt. Die ersten sechs Seillängen dieser Route sind stellenweise durchaus sportlich. Einige Züge bei denen man gut zupacken musste, wechsleten sich mit feinster Genusskletterei in einer gut gesicherten Route ab. Der obere, zweite Teil des Weges war von der Schwierigkeit deutlich einfacher. Allerdings auch brüchiger und von der Wegfindung nicht ganz so trivial. In der achten Seillänge teile sich die Route erneut. Unten gingen wir die einfache Variante, oben entschieden wir uns für die etwas schwierigere. Eine lohnenswerte Entscheidung. Diese Seillänge führte uns einen wunderschönen, griffigen Kamin hinauf. Kurz danach erreichten wir den wohl markantesten Punkt des Weges. Das schon von unten sichtbare Felsenfenster lag vor uns. Wunderschön, man musste sich jedoch mit dem Rucksack etwas durchpressen. Es war dann doch enger als erwartet. Nach dem Felsenfenster sahen wir bereits das Gipfelkreuz, welches wir zwei Seillängen später gegen 17 Uhr erreichten. Bei anschließenden Abendessen werteten wir glücklich und geschafft den Tag aus. In freudiger Erwartung was uns morgen bevorsteht.
Der Donnerstag startete wettertechnisch wieder herrlich, sollte zum Nachmittag hin allerdings nicht so stabil bleiben wie der Tag zuvor. Da auch eine Gewitterneigung für den Tag angesagt war, entschieden wir uns kürzere Wege am Hinteren Tajakopf zu klettern. Hier kannten wir den Zustieg von den Tagen davor und der kompakte Fels in Kombination mit super abgesicherten Routen sprachen dafür. Unsere Dreierseilschaft kletterte die sieben Längen der Route "Pokerface" (UIAA 5+), während die anderen Beiden sich an der "Lovestory" austobten. Auf den Wetterbericht war wieder verlass. Pünktlich beim Erreichen des Ausstiegs begann es wieder ein wenig zu nieseln. Das machte den Abstieg über den Normalweg ein wenig rutschig, stellte aber dennoch keine sonderliche Herausforderung dar. Kay und Anja hatten an diesem Tag zwei Seillängen weniger zu bewältigen, weshalb sie deutlich schneller als wir waren und die Hütte noch trocken erreichten - vorerst! Spoiler: Ihr wisst ja, es gibt noch den Klettergarten. Lenka, Tom und ich verbrachten den Nachmittag in der Hütte bei Snacks und Bier. Anja und Kay waren noch angefixt ihre Route im Klettergarten bis zum Top abzuschließen, also zogen die beiden am Nachmittag noch einmal los. Wie das ausging erspare ich euch hier. Im Zweifel einfach noch einmal die Absätze von Montag und Dienstag lesen. Wir genossen unser letztes Abendessen auf der Hütte und bei bester Stimmung verkosteten wir die regionalen Köstlichkeiten, bis wir kurz vor der Hüttenruhe die letzten im Gastraum waren.
Am Freitag hieß es nur Abschied nehmen. Wir packten unsere Sachen, frühstückten ein letztes Mal und nahmen langsam Abschied von Hütte und Personal. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an die Wirtsleute Jürgen und sein Team. Bei euch war es wie ein Besuch bei Freuden. Wir kommen also gern wieder. Als Abstiegsroute wählte wir nicht den "Hohen Gang" sondern wir stiegen über die Seebenalm und die Ehrwalder Almbahn ab. Dieser zwar längere aber deutlich einfachere Weg führte uns in zwei Stunden zurück zum Parkplatz und somit auch zum Auto. Hier sortierten wir nur noch die Ausrüstung auseinander und verabschiedeten uns in dem sicheren Gewissen, dass dies nicht unsere letzte gemeinsame Tour ist.
An der Stelle noch ein herzliches Dankeschön an euch! Es hat mir mega viel Spaß gemacht. Und hier ist eine der größten Lügen eines Bergführers: "Das habt ihr toll gemacht" durchaus ernst gemeint. Das größte Geschenk habt ihr mir allerdings gemacht, indem ihr gleich einen Tag später in den Ammergauern selbstständig eine Mehrseillänge geklettert seid. Nochmals danke für die schöne Zeit!
Jan Starke