Krimiversion als Vorgeschmack:
Der Fall der verschwundenen Kletterwoche
Als die Mitglieder der DAV-Sektion Magdeburg ihre Hütten in Jonsdorf bezogen, ahnte niemand, dass sie sich in den kommenden Tagen auf die Spur eines gerissenen Täters begeben würden. Sein Name: Das Wetter.
Der erste Tag verlief nahezu verdächtig perfekt. An der Grazer Zinne fanden die Kletternden trockene Felsen und sicheren Halt. Die Sonne schien, als wolle sie jedes Misstrauen zerstreuen. Währenddessen bewegten sich die Wanderer über den Alpinen Grat und durch die Oybiner Felsengasse. Alles sprach für eine gelungene Kletterwoche.
Doch in der Nacht schlug der Täter zu.
Am nächsten Morgen war der Tatort verändert. Regen hatte die Sandsteinfelsen in glitschige, unbesteigbare Zeugen verwandelt. Jeder Versuch, eine Route zu klettern, scheiterte an den nassen Griffen. Die Kletterwoche war verschwunden – spurlos.
Die Ermittlungen begannen sofort.
Die Gruppe verfolgte erste Hinweise auf der Lausche. Zwischen Wolkenfetzen und Lichtungen eröffneten sich immer wieder Ausblicke, die wie kleine Indizien wirkten. Doch vom Täter fehlte jede Spur.
Am folgenden Tag führte die Fährte auf den Hochwald. Mächtige Felsen ragten aus dem Wald wie schweigsame Zeugen empor. Die Ermittler durchkämmten jeden Pfad, doch außer beeindruckenden Landschaften und guter Stimmung ließ sich nichts Belastendes finden.
Dann kam der entscheidende Hinweis: Der Täter sollte sich am Ještěd aufhalten.
Trotz ununterbrochenen Regens machte sich die Gruppe auf den Weg. Nebel verhüllte den Gipfel wie ein Komplize, der Beweise verschwinden ließ. Das futuristische Gipfelgebäude wirkte wie das geheime Hauptquartier eines internationalen Verbrechersyndikats. Drinnen wurden Theorien ausgetauscht und heiße Getränke konsumiert. Doch der Verdächtige blieb ungreifbar.
Währenddessen ereigneten sich auf der Hütte merkwürdige Dinge.
Abends verschwanden regelmäßig volle Teller, Biergläser leerten sich auf mysteriöse Weise, und aus den tschechischen Gasthäusern kehrten auffällig gut gelaunte Menschen zurück. Immer wieder wurde gelacht, Geschichten wurden erzählt und Pläne für zukünftige Touren geschmiedet. Offenbar hatte der Täter zwar die Kletterei gestohlen, aber die Gemeinschaft übersehen.
Nach einer Woche intensiver Ermittlungen stand das Ergebnis fest.
Die Kletterwoche war tatsächlich entführt worden. Doch an ihrer Stelle war etwas anderes entstanden: eine Wander- und Gemeinschaftswoche voller schöner Erlebnisse, guter Gespräche und neuer Erinnerungen.
Der Hauptverdächtige – das launische Wetter – wurde mangels greifbarer Beweise wieder freigelassen. Sein Motiv bleibt bis heute unklar. Vielleicht wollte er nur beweisen, dass Bergsport mehr ist als Fels und Gipfel.
Die Akte wurde geschlossen.
Als Beweismittel verbleiben: eine sonnige Grazer Zinne, unzählige Wanderkilometer über Lausche und Hochwald, ein verregneter Ještěd, gemütliche Hüttenabende und die Erkenntnis, dass sich eine gute Gruppe selbst vom raffiniertesten Wetterverbrecher nicht auseinanderbringen lässt.
Der Fall ist gelöst.
Oder zumindest bis zur nächsten Wander- und Kletterwoche in Jonsdorf, wenn der Täter vermutlich erneut versuchen wird zuzuschlagen.